Kann Ihr Prozess einen schlechten Tag überstehen?
- Eva Jenisch

- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Ein Prozess zeigt seine Schwächen selten, wenn alles nach Plan läuft
In Prozessverbesserungs-Workshops höre ich häufig Beschreibungen darüber, wie ein Prozess eigentlich funktionieren sollte. Materialien treffen rechtzeitig ein, Maschinen sind verfügbar, Qualitätsfreigaben erfolgen wie geplant und alle Beteiligten haben die notwendigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt.
Daran ist nichts falsch. Jeder Prozess braucht schliesslich einen Referenzpunkt.
Interessant wird es jedoch, wenn die Realität nicht mitspielt.
Ich habe erlebt, wie Produktionspläne ins Wanken geraten sind, weil eine Qualitätsprüfung länger dauerte als erwartet. Ein Lieferant kam einen halben Tag zu spät. Ein Planer fiel kurzfristig aus. Jemand wählte im ERP-System das falsche Material aus. Keine dieser Situationen war für sich genommen dramatisch, und trotzdem lösten sie schnell eine Kette von Anpassungen aus, die weit über das ursprüngliche Problem hinausgehen.
Die eigentliche Störung war dabei selten das grösste Problem. Entscheidend war, wie der Prozess darauf reagierte.
Die Realität ist der eigentliche Test für jeden Prozess
Die meisten Prozesse wirken stabil, solange die Rahmenbedingungen stabil bleiben. Genau das kann jedoch ein trügerisches Gefühl von Sicherheit erzeugen.
Erst wenn etwas Unerwartetes passiert, zeigt sich, wo Verantwortlichkeiten unklar sind, wo Entscheidungen von einzelnen erfahrenen Mitarbeitenden abhängen oder wo Informationen nicht so fliessen, wie alle annehmen. Diese Schwachstellen bleiben oft lange unsichtbar, weil Menschen gelernt haben, sie auszugleichen. Sie wissen, wen sie anrufen müssen, welcher Umweg funktioniert oder welche Planungsregel man im Notfall umgehen kann, damit die Produktion weiterläuft.
Paradoxerweise können gerade die Fähigkeiten der Mitarbeitenden, Probleme schnell zu lösen, dazu führen, dass strukturelle Schwächen noch länger verborgen bleiben.
Eine einfache Frage verändert die Diskussion
Vor einigen Jahren habe ich mit einem Kunden einen Planungsprozess analysiert. Wir hatten fast eine Stunde über Durchlaufzeiten, Planungsparameter und Systemeinstellungen gesprochen. Alles war sinnvoll, aber die Diskussion blieb sehr technisch.
Dann stellte jemand eine einfache Frage:
„Was würde passieren, wenn unser wichtigster Lieferant nächste Woche zwei Tage zu spät liefert?“
Die Atmosphäre veränderte sich sofort.
Plötzlich ging es nicht mehr darum, wie der Prozess auf dem Papier gestaltet war, sondern darum, wie die Organisation tatsächlich reagieren würde. Die Teams identifizierten manuelle Umgehungslösungen, widersprüchliche Prioritäten und Entscheidungen, die vollständig von einzelnen Personen abhingen. Innerhalb weniger Minuten hatten wir ein deutlich klareres Bild des Prozesses als durch die Analyse von Prozessdiagrammen.
Manchmal zeigt ein hypothetischer schlechter Tag mehr als ein Monat voller Leistungsberichte.
Hinter jeder Störung steckt eine Erkenntnis
Wenn etwas schiefläuft, ist die natürliche Reaktion, zuerst das aktuelle Problem zu lösen.
Die Produktion muss weiterlaufen, Kunden müssen informiert und Lieferungen sichergestellt werden. Genau das zeichnet gute Teams aus.
Sobald die Situation jedoch stabilisiert ist, lohnt sich eine andere Frage:
Warum hat genau dieses Ereignis eine so grosse Wirkung ausgelöst?
War die Störung tatsächlich aussergewöhnlich, oder hat sie lediglich einen Prozess sichtbar gemacht, der kaum Spielraum zur Anpassung hatte?
Das sind zwei völlig unterschiedliche Probleme.
Ein robuster Prozess ist mehr als ein effizienter Prozess
Vielleicht zeigt sich operative Exzellenz nicht darin, wie reibungslos ein Prozess an einem guten Tag funktioniert. Das können die meisten Prozesse.
Der bessere Stresstest ist, wie viel Kontrolle eine Organisation an einem ganz normalen schlechten Tag behält. Denn solche Tage erlebt jedes Produktionsunternehmen von Zeit zu Zeit. Eine verspätete Lieferung, ein unerwarteter Ausfall, ein Qualitätsproblem oder eine kurzfristige Nachfrageänderung sollten nicht sofort dazu führen, dass der gesamte Betrieb in den Krisenmodus wechselt.
Wenn Ihr Prozess das nächste Mal unter Druck gerät, lohnt es sich, die Störung nicht einfach als Pech zu betrachten. Sehen Sie sie vielmehr als Rückmeldung und als Möglichkeit, den Prozess besser zu verstehen.
Vielleicht zeigt sie Ihnen genau dort die nächste Verbesserungschance, wo Sie sie bisher noch nicht gesehen haben.




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